Veränderungen im wissenschaftlichen Verlagswesen

Der Musikmarkt hat es vorgemacht: die Digitalisierung von Produktion und Vertrieb hat nachhaltige Veränderungen bewirkt. Neue Protagonisten, neue Vertragsituationen, neue Möglichkeiten für Autoren sind kennzeichnend für diesen Umbruch.


Das klassische Verlagswesen ist mit dem Aufkommen des Internets seit Mitte der Neunziger Jahre in Bedrängnis gekommen. Das Publikations- bzw. Vertriebsmedium Internet hat sich zum stärksten Wettbewerber der Verlage entwickelt, inbesondere da diese es über lange Zeit versäumt haben, passende Geschäftsmodelle für den internet-basierten Vertrieb zu entwickeln.
Aus Sicht des Verlegers scheint das eBook aktuell die hinsichtlich klassischer Produktions- und Vertriebswege nächstliegende Lösungsoption für das "Internet-Problem" zu sein; nach mehreren Anläufen kommt mit der aktuellen Hardware langsam auch eine realistische Perspektive für eine Marktentwicklung dieser Vertriebsform. Das neuerliche Medienecho (zu den aktuellen Geräteversionen von Sony und Amazon) legt zumindest diese Vermutung nahe.
Tatsächlich können die Verlage ohne die Konservierung des etablierten Margenmodells kaum diejenigen Gewinne erzielen, die insbesondere im Zuge der durch Branchen-Umbrüche verstärkt etablierten Konzernstrukturen vorgegeben sind.

Speziell im STM-Bereich (Science-Technologie-Medicine) führt die Zwischenstufe "Wissenschaftsverlag" somit zu absurden Effekten (lange Herstellungszeiten, Produktionszyklen mit indischen Setzereien, Abgabe der Verwertungsrechte, teurer Inhalte-Rückkauf der primär öffentlich finanzierten Autorenschaft durch Bibliotheken etc.).

Seitdem wesentliche Prozess-Schritte im Verlagswesen mit handelsüblichen PCs erledigt werden können - also bereits seit Mitte der 80er Jahre - sind die Verlage vielfach gezwungen worden. zunächst die Produktions- und mit dem Internet schliesslich auch die Vertriebs-Hoheit für Inhalte abzugeben.
Zudem bieten selbst etablierte Verlage kaum dasjenige medientechnische Niveau an, das moderne, also primär elektronische Inhalte im Hinblick auf didaktische Qualität und Mehrkanal-Verwertbarkeit nahelegen.
Ein zeitgemäßer Anbieter fortbildungsrelevanter Inhalte braucht heute weniger einen Vertrags-Partner, der für Druck, Platzierung im Buchhandel und die juristische Vertretung sorgt, sondern schlichtweg eine internet-basierte Plattform, welche die relevanten Wertschöpfungs-Stufen zielorientiert abbilden kann: Produktion, Qualitätsichherung und Vertrieb bis hin zu Kommerz-Funktionen (Abonnenten-Verwaltung, Abrechnung etc.).

Nur eine Publishing-Plattform ist in der Lage, die verschiedenen Aufgaben eines Herausgebers bzw. einer wissenschaftichen Gesellschaft umfassend zu integrieren. Dies betrifft u.a. die Periodika, Manuale, Fortbildungsveranstaltungen und die Organisation der fach-orientierten Kommunikation innerhalb der Gesellschaft. In diesem Zusammenhang sei bemerkt, dass seinerzeit am CERN genau dies die Ursprungsidee des World-Wide-Web (WWW) gewesen ist. Allerdings sind neben der dort erarbeiteten Basistechnolgie mindestens noch drei weitere Entwicklungen bzw. Trends nötig gewesen, um die Auflösung klassischer Verlagsmodelle zu begünstigen:

  1. umfassende Standardisierung für elektronische Inhalte aller Art
  2. OpenSource-Technologie
  3. globale Nutzer-Akzeptanz/Verfügbarkeit des Mediums

Spätestens mit der Einführung nutzungsfreundlicher Lesegeräte entfällt offensichtlich der letzte Vorteil des Trägermediums Papier - und dessen Nachteile rücken immer stärker in den Vordergrund (Recherchierbarkeit, Volumen, Versandkosten etc.). Somit bleibt dem konservativen Autor immerhin noch die Vorstellung von einer starken Marke des lieb gewordenen Traditionshauses? Doch im Zuge veränderter Strategien, bedingt u.a. durch den Eintritt von Kapitalgesellschaften (z.B. Springer) und angesichts strukturellem Kreativitätsmangel (z.B. Brockhaus) ist "Tradition" an sich schon lange kein Garant für den Fortbestand. Für Bildungsverantwortliche eröffnet sich die Chance einer produktiven Auseinandersetzung mit modernen Modellen der Wissensdistribution.

[FH 26.03.2009]